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Geben, was ich erhalten will

  • 12. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit


Sag mal: Möchtest du, dass irgendjemand dich verändern oder verbessern will?


«Neiiiin, keinesfalls!», schreit es empört in mir selbst. Mit Sicherheit möchte ich das nicht. Ich muss ja davon ausgehen, dass ich von diesem Jemand bewertet und für falsch, ungenügend oder gar schuldig befunden werde. Ich will doch nicht zu einem optimierungsbedürftigen Objekt gemacht werden. Weder von meinen Nächsten noch von Bekannten noch von irgendwelchen gesellschaftlichen Instanzen.


Gehe ich hin zu einer Pflanze im Garten, um ihr zu sagen: «Du bist nicht gross und kräftig genug, du bist einfach nicht schön, ich hätte mir schon was anderes erwartet von dir. Jetzt blühst du immer noch nicht, gibt dir mal etwas Mühe, mach schon.»?


Wohl kaum. Ich sorge bestenfalls dafür, dass die Pflanze möglichst gute Bedingungen bekommt, um optimal wachsen zu können: fruchtbare Erde, die passende Menge an Sonne und Wasser, liebevolle Pflege und Zuwendung.



«Wenn du dich nicht endlich änderst...»


Was sich in der Beziehungsarbeit in meiner Praxis – und in meinen eigenen Beziehungsmustern – nichtsdestotrotz mit hartnäckiger Deutlichkeit zeigt: Einen wesentlichen Teil unserer Beziehungsprobleme kreieren wir, indem wir genau das tun, nämlich vom andern erwarten, dass er oder sie sich ändert, heisst: endlich verständnisvoller, zugewandter, mitfühlender, ehrlicher, geduldiger, gelassener, weniger emotional, sachlicher, toleranter, fassbarer, präsenter, humorvoller, kommunikativer, lustvoller, initiativer usw. werden sollte (individuell zu ergänzen ;–).


Etwas in uns fühlt sich völlig berechtigt, diese Ansprüche zu haben. Werden sie nicht erfüllt, werden wir trotzig, wütend, vorwurfsvoll, verschliessen uns im Rückzug oder rechtfertigen uns mit rationalen Argumenten. Vielleicht sind wir uns sogar bewusst, dass wir aus einem verletzten kindlichen Teil heraus mit alten Überlebensstrategien reagieren, bleiben aber dennoch in der Überzeugung hängen, es wäre alles nicht so schlimm und kompliziert, wenn der andere nur endlich einsehen würde, dass es an ihm liegt. 


Wenn du dich in dieser Haltung ertappt fühlst, lade ich dich von Herzen ein, dich nicht dafür zu bewerten und mit Selbstoptimierungs-Ansprüchen unter Druck zu setzen. Sonst tust du gleich selbst mit dir, was du auf keinen Fall willst, dass andere mit dir tun. Sei einfach dankbar, dass du es erkennst. Die eigenen Erwartungen ehrlich und mit Nachsicht bewusstzumachen, ist ein grosser, wertvoller Schritt.



Der Zaubertrick: andern und mir selbst geben, was ich erhalten will


So kehre ich die Geschichte um und begegne mir selbst mit der verständnisvollen Haltung, die ich vom anderen Menschen erwarte – und tue das Gleiche mit ihm: Ich lasse ihn so sein, wie er ist.


Das heisst nicht, dass ich zu jedem Verhalten von ihm ja und Amen sagen muss. Ich kann etwas wünschen von ihm, etwas vereinbaren mit ihm, und ich kann ihm eine Grenze setzen, wenn er unachtsam oder respektlos mit mir umgeht. Das ist völlig legitim und sogar wichtig.


Und es ist in jedem Moment meine freie Entscheidung, mit meiner Partnerin zu sein. Es liegt in meiner Verantwortung, ob ich bereit bin, ja zu sagen zu ihr, so wie sie ist. Oder ja zu sagen zu meinem Freund, so wie er ist. Wenn nicht, dann ist es vielleicht Zeit, ehrlich zu sein und mich zu verabschieden. Wenn ich hingegen das Ja klar in meinem Herzen fühle, dann ist es weise, mich von der Vorstellung zu verabschieden, er oder sie müsse sich verändern.


Schau einen Moment auf Konflikte oder Reibungen in deiner aktuellen Partnerschaft oder einer wichtigen Freundschaft. Sie führen dich mit Sicherheit zu einer unerfüllten Erwartung von dir. Nehmen wir an, du erwartest, dass die andere Person sich aktiver dafür interessiert, wie du dich fühlst, was dich bewegt. Möglicherweise hast du schon länger an ihr herumgemacht diesbezüglich, ohne Erfolg. Jetzt geh davon aus, dass sie sich kaum ändern wird. Was würde das bedeuten für dich?


Vielleicht, dich mit deiner Bedürftigkeit oder deinen Verlassenheitsängsten auseinanderzusetzen, dich mitfühlend dir selber mehr zuzuwenden, oder selbst initiativ zu werden und dich mehr zu zeigen mit deinen Gefühlen, oder dich mit deinem Bedürfnis aktiv an andere Menschen zu wenden.


Das Zurücknehmen meiner Veränderungsansprüche wirft mich auf mich selbst zurück. Das kann ein gutes Stück Arbeit mit sich bringen – und eine wertvolle innere Freiheit.


Und vielleicht bringt es mich der Haltung nahe, die ich zur Pflanze in meinem Garten einnehme: Ich trage mein Mögliches dazu bei, dass sie in ihre Kraft wachsen und in Schönheit erblühen kann. So wie ich es für mich selbst auch wünsche. Das schafft Verbundenheit und Frieden. In Liebe.

 
 
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